Veröffentlicht am Mai 10, 2024

Der extreme Erfolg von Aufbauspielen in Deutschland ist kein Zufall, sondern der digitale Ausdruck tief verwurzelter kultureller Werte.

  • Es geht nicht nur um Effizienz, sondern um die ästhetische Befriedigung perfekter Prozesse und sichtbarer Wertschöpfungsketten – der berühmte „Wuselfaktor“.
  • Die Spiele spiegeln das Ideal des nachhaltig planenden „ehrbaren Kaufmanns“ wider, statt rücksichtsloser Expansion.

Empfehlung: Betrachten Sie Ihr nächstes Spiel nicht als Zeitvertreib, sondern als interaktives Kulturerbe – es verrät mehr über die deutsche Seele, als Sie denken.

Fragt man sich, warum ausgerechnet in Deutschland eine so innige und andauernde Liebesbeziehung zu Aufbauspielen wie der Anno-Reihe oder Die Siedler besteht, enden die Antworten oft bei wohlbekannten Klischees. Ja, der Deutsche mag Ordnung. Ja, er plant gern. Und ja, Effizienz ist eine Tugend. Doch diese Erklärungen kratzen nur an der Oberfläche. Sie beschreiben Symptome, aber nicht die Ursache für eine Faszination, die Generationen von Spielern an den Bildschirm fesselt und komplexe Wirtschaftssimulationen zu Bestsellern macht.

Die Wahrheit ist komplexer und, wie ich als Kulturwissenschaftler für Gaming argumentieren möchte, weitaus faszinierender. Was, wenn diese Spiele nicht nur eine Vorliebe für Rasterbau und optimierte Routen bedienen? Was, wenn sie ein digitales Echo auf Jahrhunderte alte deutsche Ideale sind? Die eigentliche Magie liegt nicht allein im Ergebnis – der pulsierenden Metropole –, sondern im Prozess selbst. In der Schönheit einer perfekten Warenkette, im meditativen Akt des Sortierens und in der stillen Genugtuung, ein System erschaffen zu haben, das wie ein deutsches Uhrwerk läuft: präzise, verlässlich und mit einer fast poetischen Logik.

Dieser Artikel taucht tief in die deutsche Seele des Aufbauspiels ein. Wir werden ergründen, warum uns das geschäftige Treiben unserer virtuellen Untertanen so tief beruhigt, weshalb der schnelle Reichtum im Spiel ebenso verpönt ist wie im echten Leben und wie diese Spiele das Ideal des „ehrbaren Kaufmanns“ und die „Tüftler-Mentalität“ in reinster Form zelebrieren. Vergessen Sie die Klischees. Wir begeben uns auf eine Reise zu den kulturellen Wurzeln des „Wuselfaktors“.

Um diese einzigartige Verbindung zwischen Spielmechanik und deutscher Mentalität zu entschlüsseln, beleuchten wir verschiedene Facetten des Genres. Die folgende Gliederung führt Sie durch die zentralen Aspekte, von der psychologischen Wirkung bis zu den konkreten ökonomischen Prinzipien.

Warum fühlen wir uns nach einer Stunde Gaming erholter als nach drei Stunden TV?

Die Antwort liegt in der aktiven Natur des Spielens im Gegensatz zum passiven Konsum. Während der Fernseher uns mit Informationen berieselt, fordern Aufbauspiele eine bewusste Auseinandersetzung. Wir treffen Entscheidungen, lösen Probleme und erschaffen aktiv etwas. Diese Form des „Flows“, ein Zustand hochkonzentrierter Vertiefung, ist für das Gehirn weitaus befriedigender als die geistige Trägheit des Fernsehabends. Es ist eine Form der mentalen Regeneration durch Herausforderung, nicht durch Abschalten.

Diese Art der anspruchsvollen Freizeitgestaltung spricht besonders eine reifere Zielgruppe an. Es ist kein Zufall, dass laut einer Erhebung das Durchschnittsalter deutscher Gamer bei 39,5 Jahren liegt. In diesem Lebensabschnitt sucht man oft nach Hobbys, die mehr bieten als nur Ablenkung. Man will gestalten, optimieren und die Früchte seiner Planung sehen. Das Aufbauspiel wird so zu einer Art digitalem Garten, den man hegt und pflegt – eine zutiefst meditative und befriedigende Tätigkeit.

Im Kern ist es die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Jedes errichtete Gebäude, jede optimierte Produktionskette ist ein direkter Beweis der eigenen Kompetenz. Man ist nicht nur Zuschauer, sondern Schöpfer einer funktionierenden Welt. Dieses Gefühl, die Kontrolle zu haben und sichtbare Ergebnisse zu erzielen, wirkt dem oft als unkontrollierbar empfundenen Alltag entgegen und schafft so eine tiefe, erholsame Zufriedenheit, die passiver Medienkonsum niemals bieten kann.

Warum beruhigt das Sortieren von virtuellen Lagern das menschliche Gehirn?

Das akribische Ordnen von Waren in einem virtuellen Lagerhaus ist weit mehr als eine triviale Spielmechanik – es ist die Essenz der „Ordnungsliebe 2.0“. In einer Welt voller Komplexität und Unvorhersehbarkeit bietet das Spiel eine Oase der Kontrolle. Hier kann Chaos in perfekte, harmonische Ordnung überführt werden. Dieser Akt des Sortierens reduziert kognitive Last und schafft eine visuelle Befriedigung, die fast therapeutisch wirkt. Es ist die digitale Manifestation des Wunsches, die Welt zu verstehen und zu beherrschen, und sei es nur im Kleinen.

Diese Faszination für geordnete Prozesse ist tief in der „Deutschen Schule“ des Spieldesigns verwurzelt. Es geht um eine Prozess-Ästhetik, bei der nicht nur das Endprodukt zählt, sondern die Schönheit des Weges dorthin. Die sichtbare Wertschöpfung – ein Baum wird zu Holz, Holz zu Brettern, Bretter zu Möbeln – ist ein zentrales Belohnungsprinzip. Jeder Schritt ist nachvollziehbar und logisch. Ein Experte der Seite Pixel-Goblins fasst dies treffend zusammen:

In der ‚Deutschen Schule‘ des Aufbauspiels ging es nicht nur darum, was du baust – sondern wie Güter transportiert, verarbeitet und konsumiert werden. Jedes Stück Holz musste getragen werden.

– Pixel-Goblins Redaktion, Beste Aufbauspiele für PC

Das perfekt organisierte Lager ist das schlagende Herz dieser Prozess-Ästhetik. Es ist der Beweis, dass man nicht nur gebaut, sondern das System verstanden und gemeistert hat.

Makroaufnahme von perfekt organisierten Ressourcen-Würfeln in Regalen

Wie dieses Bild der perfekten Ordnung zeigt, ist jeder Würfel an seinem Platz. Es ist die ultimative Belohnung für die deutsche Tüftler-Mentalität: der Drang, ein System nicht nur zum Laufen zu bringen, sondern es bis zur Perfektion zu optimieren. Das Sortieren ist also kein Selbstzweck, sondern der Ausdruck höchster Meisterschaft über die Spielmechanik.

Warum ist es wichtig, dass ein NPC nachts schläft und morgens zur Arbeit geht?

Ein Nicht-Spieler-Charakter (NPC), der einem festen Tagesablauf folgt, ist das, was eine statische Kulisse in eine lebendige, glaubwürdige Welt verwandelt. Dieser simulierte Alltag ist die Grundlage des berühmten „Wuselfaktors“. Das geschäftige Treiben ist nicht zufällig; es ist das sichtbare Ergebnis eines funktionierenden Gesellschaftssystems. Wenn der Bauer bei Sonnenaufgang aufs Feld geht, der Bäcker die Mühle beliefert und der Marktplatz sich füllt, erleben wir eine sichtbare Simulation von Produktivität und Gemeinschaft. Es spiegelt eine idealisierte Version einer geordneten, fleißigen Gesellschaft wider, ein Konzept, das in der deutschen Arbeitskultur stark verankert ist.

Weitwinkelaufnahme einer belebten Stadtszene bei Sonnenaufgang mit Arbeitern

Die Beobachtung dieses Kreislaufs gibt dem Spieler das Gefühl, nicht nur ein Architekt von Gebäuden, sondern der Dirigent eines sozialen Organismus zu sein. Der Erfolg ist nicht nur eine Zahl in der Bilanz, sondern manifestiert sich in den zufriedenen Gesichtern und vollen Tavernen der Bewohner. Diese Detailverliebtheit schafft eine emotionale Bindung und macht die virtuelle Stadt zu einem Zuhause, für dessen Wohlergehen man sich verantwortlich fühlt.

Fallstudie: Anno 1800 als Spiegel der deutschen Arbeitswelt

Anno 1800 ist ein Paradebeispiel für diese detaillierte Simulation. Das Spiel modelliert präzise die unterschiedlichen Bedürfnisse und Arbeitsrhythmen der Bevölkerungsschichten. Arbeiter beginnen früh ihre Schichten in den Fabriken, während Ingenieure und Investoren einen späteren, anderen Lebensstil pflegen. Abends kehren alle in ihre Häuser zurück, besuchen Vergnügungsstätten und erholen sich für den nächsten Tag. Diese digitale Nachbildung deutscher Arbeits- und Sozialstrukturen fasziniert Millionen von Spielern und ist ein Schlüsselfaktor für den Erfolg des Spiels.

Letztlich ist der schlafende NPC ein Symbol für Respekt vor dem System. Er ist kein reines Werkzeug, sondern Teil eines Ganzen. Seine simulierten Bedürfnisse (Ruhe, Nahrung, Unterhaltung) werden zu den Zielen des Spielers. Ihn zufriedenzustellen bedeutet, das System gemeistert zu haben. Der Tagesablauf ist somit kein Gimmick, sondern der Pulsschlag der Spielwelt.

Wie vermeidest du den Kollaps deiner Wirtschaft durch einen einzigen fehlenden Rohstoff?

Der plötzliche Stillstand der gesamten Produktion, weil irgendwo eine einzige Ressource wie Kohle oder Eisen fehlt, ist die klassische Katastrophe in jedem Aufbauspiel. Dies zu vermeiden, ist die hohe Kunst des Genres und erfordert das, was man als „vorausschauende Redundanz“ bezeichnen könnte. Es geht nicht darum, riesige, ineffiziente Lager anzuhäufen, sondern darum, Puffer und alternative Versorgungsrouten strategisch einzuplanen. Ein weiser Spieler baut nicht nur eine Eisenmine, sondern sichert sich frühzeitig eine zweite auf einer anderen Insel oder richtet eine Handelsroute als Backup ein.

Das Herzstück dieser Strategie ist die permanente Analyse der Warenketten. Ein guter Spieler weiß nicht nur, was er gerade braucht, sondern was er in 30 Minuten brauchen wird, wenn seine Stadt wächst. Die Benutzeroberflächen moderner Aufbauspiele wie Anno 1800 sind Meisterwerke der Datenvisualisierung und ermöglichen genau diese Art von mittelfristiger Planung. Sie sind das digitale Äquivalent zur betriebswirtschaftlichen Auswertung eines mittelständischen Unternehmens.

Der Erfolg der Anno-Reihe, die laut Ubisoft mit Anno 1800 weltweit über 3,5 Millionen Spieler erreicht hat, basiert genau auf dieser Komplexität. Das genaue Gegenteil zeigt das Debakel um „Die Siedler: Neue Allianzen“. Bei diesem Spiel wurden die komplexen Warenketten, das Markenzeichen der Serie, radikal vereinfacht. Das Ergebnis war ein Spiel, das von Kritikern und Fans zerrissen wurde – eine eindringliche Warnung davor, was passiert, wenn man dem Spieler die befriedigende Herausforderung der Logistik raubt.

Die ultimative Lektion ist also Diversifikation und Skalierbarkeit. Man sollte seine Wirtschaft so aufbauen, dass sie flexibel auf Engpässe reagieren kann. Das bedeutet, Produktionscluster modular zu planen und nicht eine riesige, monolithische Industriezone zu errichten, bei der ein einziger Fehler alles lahmlegt. Denke wie ein Schachspieler, immer mehrere Züge im Voraus.

Warum führt zu schnelles Wachstum in Aufbauspielen fast immer zum Bankrott?

Unkontrolliertes Wachstum ist der süßeste Feind des Aufbaustrategen. Der Rausch, neue Bürger anzusiedeln und Viertel aus dem Boden zu stampfen, führt fast unweigerlich zu einer fatalen Implosion. Der Grund ist einfach: Jeder neue Einwohner und jedes neue Gebäude erzeugt sofort Kosten und Bedürfnisse, während die Einnahmen und die Produktion erst mit Verzögerung folgen. Die explodierenden Unterhaltskosten für die Infrastruktur fressen die Bilanz auf, lange bevor die neuen Steuerzahler oder Industrien profitabel werden. Es ist ein klassischer Fall von überdehnter Logistik und negativem Cashflow.

Dieses Prinzip spiegelt eine tiefe ökonomische Wahrheit wider, die auch in der realen Welt gilt. Nachhaltiges Wachstum muss immer durch eine solide Basis gedeckt sein. Im Spiel bedeutet das: Erst die Produktion von lebenswichtigen Gütern stabilisieren und optimieren, dann die Bevölkerung moderat erhöhen. Dieser Zyklus aus Konsolidierung und Expansion ist das Mantra des erfolgreichen Spielers. Es ist die Philosophie des schwäbischen Mittelständlers, nicht die des Silicon-Valley-Startups, das auf „Wachstum um jeden Preis“ setzt.

Interessanterweise lässt sich dieses Phänomen sogar in der realen deutschen Spielebranche beobachten. Nach Jahren des Wachstums erlebte sie 2024 eine „Wachstumspause“ mit einem Umsatzrückgang von 6% auf 9,4 Milliarden Euro. Auch hier zeigt sich: Ständiges, exponentielles Wachstum ist eine Illusion; Phasen der Konsolidierung sind notwendig und gesund.

Der Kontrast zwischen nachhaltiger und überhasteter Entwicklung wird im direkten Vergleich von Anno 1800 und dem neuen Die Siedler besonders deutlich.

Anno vs. Die Siedler: Entwicklungskosten und Erfolg
Spiel Entwicklungszeit Kosten Verkaufszahlen Wertung
Anno 1800 4 Jahre Nicht bekannt 2,5 Mio. (2023) 90er-Wertungen
Die Siedler: Neue Allianzen 10 Jahre ~50 Mio. Euro Nicht veröffentlicht 60er-Wertungen

Die Tabelle illustriert, dass eine lange, aber ungerichtete Entwicklungszeit (eine Form von unkontrolliertem „Projektwachstum“) nicht zu Erfolg führt. Anno 1800 wurde in einem fokussierten Zeitrahmen mit einer klaren Vision entwickelt, während Die Siedler in einer Dekade seine Identität verlor. Die Lehre daraus: Wachstum braucht Struktur und ein stabiles Fundament, sowohl im Spiel als auch in der Realität.

Schönbau oder Raster: Welche Bauweise ist langfristig effizienter für deine Bilanz?

Diese Frage ist der zentrale Glaubenskrieg innerhalb der Aufbau-Community und spiegelt zwei grundverschiedene deutsche Seelen wider: den pragmatischen Ingenieur und den romantischen Idealisten. Auf der einen Seite steht der Rasterbau: geometrisch perfekt, maximal platzsparend und auf höchste Effizienz getrimmt. Jeder Weg ist eine gerade Linie, jedes Viertel ein perfektes Rechteck. Diese Methode garantiert die kürzesten Wege für Waren und Arbeiter und maximiert die Reichweite von Servicegebäuden wie Marktplätzen oder Feuerwachen. Kurzfristig ist der Rasterbau für die Bilanz unschlagbar.

Auf der anderen Seite steht der Schönbau, der Versuch, organisch gewachsene, ästhetisch ansprechende Städte zu errichten. Hier schlängeln sich Gassen, Plätze laden zum Verweilen ein und die Architektur fügt sich harmonisch in die Landschaft ein. Schönbau ist ineffizienter, verschwendet Platz und führt zu längeren Wegen. Doch seine Anhänger argumentieren, dass er langfristig zu einer höheren Zufriedenheit der Einwohner und damit zu höheren Steuereinnahmen durch den Aufstieg in wohlhabendere Bevölkerungsschichten führt.

Geteilte Ansicht zeigt organische mittelalterliche Stadt gegen geometrisches Industrieviertel

Die Wahrheit liegt, wie so oft in Deutschland, im Kompromiss: der „zweckmäßigen Ästhetik“. Die effizienteste langfristige Strategie ist eine hybride Bauweise. Industrieviertel und Produktionszentren, in denen es auf jeden Meter ankommt, werden im strengen Raster geplant. Die Wohnviertel der reicheren Schichten, deren Zufriedenheit direkt von der Schönheit der Umgebung abhängt, werden hingegen im Schönbau-Stil mit Parks, Alleen und Zierelementen angelegt. Man trennt also die reine Funktionalität von der repräsentativen Ästhetik.

Letztlich ist die Entscheidung auch eine Frage der persönlichen Spielphilosophie. Will ich das Spiel „schlagen“ und die perfekte Bilanz erreichen? Oder will ich eine Welt erschaffen, in der ich selbst gerne leben würde? Der wahre Meister des Genres beherrscht beides und weiß, wann die Logik des Ingenieurs und wann das Auge des Künstlers gefragt ist.

Wie meisterst du die erste Stunde in Paradox-Spielen ohne direkt aufzugeben?

Spiele von Paradox Interactive wie Crusader Kings oder Europa Universalis sind die Endgegner der Aufbaustrategie. Ihre Komplexität ist legendär und die Benutzeroberfläche gleicht oft dem Cockpit eines Airbus A380. Der Frust in der ersten Stunde ist vorprogrammiert und Teil der Erfahrung. Der Schlüssel zum Überleben ist, seine Erwartungen zu ändern: Dein Ziel in der ersten Stunde ist nicht zu gewinnen, sondern zu lernen. Akzeptiere, dass du Fehler machen wirst und deine erste Nation wahrscheinlich im Chaos versinkt.

Der wichtigste Ratschlag ist: Fokussiere dich auf einen einzigen Aspekt. Ignoriere zunächst 90% der Menüs. Konzentriere dich in Crusader Kings nur darauf, deine engste Familie zu verheiraten und einen Erben zu sichern. In Europa Universalis, konzentriere dich nur darauf, deine Wirtschaft zu stabilisieren und eine einzige diplomatische Beziehung zu pflegen. Versuche nicht, alles auf einmal zu verstehen. Meistere ein System, dann das nächste. Dieser inkrementelle Lernprozess ist der einzige Weg, die enorme Informationsflut zu bewältigen.

Nutze die unzähligen Ressourcen, die die Community bereitstellt. Deutsche YouTube-Kanäle und Foren sind voll von exzellenten Tutorials für Einsteiger. Schäme dich nicht, ein Video neben dem Spiel laufen zu lassen und die ersten Schritte nachzubauen. Dies ist kein Test, bei dem Spicken verboten ist. Es ist eher eine Ausbildung, bei der man vom Meister lernt.

Ihr Plan zur Meisterprüfung in komplexen Strategiespielen

  1. Beginnen Sie mit dem Tutorial und akzeptieren Sie die Lernkurve als Teil des deutschen „Meisterbrief“-Prinzips. Scheitern ist der erste Schritt zur Meisterschaft.
  2. Fokussieren Sie sich zunächst nur auf eine einzige Produktions- oder Verwaltungskette (z. B. nur die Nahrungsmittelversorgung oder nur die Diplomatie mit einem Nachbarn) und perfektionieren Sie diese.
  3. Nutzen Sie Community-Ressourcen wie Wikis und deutsche YouTube-Tutorials gezielt für spezifische Fragen, anstatt alles auf einmal verstehen zu wollen.
  4. Spielen Sie die ersten Sessions bewusst im entspannten Modus ohne Zeitdruck oder aggressive KI, um die Kernmechaniken in Ruhe zu verinnerlichen.
  5. Verstehen Sie, dass Scheitern zum Lernprozess gehört – wie in der dualen Ausbildung ist die praktische Erfahrung (und der Fehler) der beste Lehrmeister.

Am Ende ist es eine Frage der Mentalität. Sieh das Spiel nicht als unbezwingbaren Berg, sondern als ein faszinierendes Puzzle. Die Befriedigung, wenn nach Stunden des Lernens und Scheiterns die komplexen Systeme endlich „klick“ machen und ineinandergreifen, ist unvergleichlich. Es ist der Lohn für die Hartnäckigkeit des Tüftlers.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die deutsche Faszination für Aufbauspiele geht über Stereotypen hinaus und wurzelt in kulturellen Werten wie der „Tüftler-Mentalität“ und der Freude an sichtbaren, funktionierenden Prozessen.
  • Erfolgreiche deutsche Aufbauspiele belohnen nachhaltiges, geplantes Wachstum nach dem Vorbild des „ehrbaren Kaufmanns“ und bestrafen riskante, schnelle Expansion.
  • Der „Wuselfaktor“ ist keine reine Ästhetik, sondern die befriedigende Visualisierung einer funktionierenden, geordneten Gesellschaft, deren kleinste Teile (NPCs) einem logischen Zweck folgen.

Können Wirtschaftsmanagement-Spiele dir helfen, echte finanzielle Zusammenhänge besser zu verstehen?

Absolut, aber mit einer wichtigen Einschränkung. Spiele wie Anno oder Factorio sind hervorragende Werkzeuge, um ein intuitives Verständnis für Systemdynamiken zu entwickeln. Sie lehren spielerisch die Grundlagen von Angebot und Nachfrage, die Bedeutung von Logistik und die fatalen Folgen eines negativen Cashflows. Wer einmal erlebt hat, wie seine blühende Stadt kollabiert, weil die Produktionskosten für Stahl die Steuereinnahmen übersteigen, der hat eine Lektion über Betriebswirtschaft gelernt, die nachhaltiger ist als manches Lehrbuchkapitel.

Diese Spiele sind im Grunde interaktive Sandkästen für ökonomische Prinzipien. Sie zwingen uns, in komplexen Zusammenhängen zu denken und die Konsequenzen unserer Entscheidungen über mehrere Stufen hinweg zu antizipieren. Das Konzept der Opportunitätskosten wird greifbar: Investiere ich in eine neue Flotte, um eine ressourcenreiche Insel zu besiedeln, oder stärke ich meine heimische Produktion? Beides gleichzeitig geht nicht. Diese ständigen Abwägungen schärfen das strategische und finanzielle Denken.

Wie die Redaktion von Netzpiloten treffend analysiert, gibt es hierbei jedoch feine, aber entscheidende Unterschiede zwischen den Spielen. Während einige mehr auf den militärischen Aspekt setzen, ist es bei anderen die reine Wirtschaftslehre:

Siedler und Anno sind zwar beides Strategie-Schwergewichte aus Deutschland, aber dennoch meilenweit voneinander entfernt. Bei Anno stand das Ressourcenmanagement immer im Vordergrund.

– Netzpiloten Redaktion, Analyse zur Siedler-Krise

Die Einschränkung ist jedoch, dass es sich um geschlossene, vereinfachte Systeme handelt. Die reale Weltwirtschaft ist ungleich chaotischer und wird von externen Schocks, irrationalen Akteuren und politischer Unsicherheit beeinflusst – Faktoren, die in den meisten Spielen fehlen. Dennoch: Als Trainingsfeld für logisches, systembasiertes Denken und grundlegendes Finanzmanagement sind diese Spiele unschlagbar. Sie lehren nicht die Details der globalen Finanzmärkte, aber sie vermitteln das Fundament, auf dem alles aufbaut: eine gesunde Bilanz.

Die in diesen Spielen erlernten Prinzipien bieten eine solide Grundlage, um komplexe wirtschaftliche Konzepte intuitiv zu begreifen.

Häufige Fragen zu Warum sind Aufbauspiele wie Anno oder Die Siedler gerade in Deutschland so extrem erfolgreich?

Warum sind Aufbauspiele in Deutschland so beliebt?

Deutsche Spieler schätzen die Kombination aus strategischer Tiefe, Wirtschaftssimulation und der Möglichkeit, komplexe Systeme zu optimieren – Eigenschaften, die kulturell mit deutscher Gründlichkeit und Effizienz resonieren.

Welche deutschen Studios prägen das Genre?

Ubisoft Blue Byte (Anno-Serie) mit Standorten in Düsseldorf und Mainz sowie ursprünglich Volker Wertich als Schöpfer von Die Siedler haben das Genre maßgeblich geprägt und international erfolgreich gemacht.

Wie unterscheiden sich deutsche Aufbauspiele von internationalen?

Deutsche Aufbauspiele fokussieren stärker auf komplexe Wirtschaftskreisläufe, sichtbare Warenströme und langfristiges, nachhaltiges Wachstum statt auf schnelle militärische Expansion.

Geschrieben von Andreas Dr. Braun, Wirtschaftsingenieur und Experte für Simulations- und Strategiespiele. Langjähriger Fachautor für Flugsimulation, Racing-Sims und komplexe Aufbaustrategie.